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Der Schriftsteller Urs Fiechtner liest in der VHS

Der 1955 geborene und in Chile aufgewachsene Autor ist dort schon früh mit den Menschenrechten in Verbindung gekommen. In Deutschland gründete er die interkulturelle Autorengruppe 79. Die meisten seiner Bücher und Essays kreisen um die Menschenrechte. In Ulm ist er seit 40 Jahren für Amnesty International aktiv .

In der VHS Friedrichshafen wird er am 11. Oktober um 20 Uhr zum Thema „ Eine Chance für die Menschenrechte – 50 Jahre Amnesty International“ sprechen. Die Zuhörer erwartet kein trockenes Referat über die Entwicklung von der Gefangenenhilfsorganisation Amnesty bis zur heutigen internationalen Organisation für Menschenrechte, sondern ein engagierter Bericht über das vielseitige Engagement für die Menschenrechte. Urs Fiechtner gibt Beispiele, wie man als Mitglied einer neutralen Organisation sich in das globale politische Geschehen einbringen kann. Seine zahlreichen Veröffentlichungen, seine Literaturpreise für das Jugendbuch „Annas Geschichte“ und sein Engagement für das Behandlungszentrum für Folteropfer in Ulm (BFU) sind Beispiele für erfolgreiche Menschenrechtsarbeit.

Die Friedrichshafener Amnesty-Gruppe, die im November ihr 40-jähriges Jubiläum feiern kann, ist stolz darauf, dass Urs Fiechtner zu diesem Doppeljubiläum nach Friedrichshafen kommt.

Urs M. Fiechtner, geboren 1955 in Bonn, gehört zu den wenigen Schriftstellern seiner Generation, die sich von Anfang an - also ohne den Umweg über einen „Brotberuf“ - der Literatur verschrieben haben. Er wuchs in Chile heran, spielte dort auf Kindergeburtstagen Sackhüpfen mit Offizieren, die später zu Kommandeuren von Folterzentren avancieren sollten und legte sich im Alter von sieben Jahren darauf fest, später „entweder Schriftsteller oder Indianer zu werden“.

Das mit dem Indianer hat nicht geklappt.

Zurück in der Bundesrepublik, flog er in kurzen Abständen von mehreren Schulen - erst wegen seiner Abneigung gegen rechtsradikale Lehrer, dann wegen der Gründung einer Schülergruppe von Amnesty International, zuletzt wegen einer wachsenden Abneigung gegen die Schule an sich – machte seinen Zivildienst, gründete 1976 die interkulturelle autorengruppe79 und gab mit 21 Jahren sein erstes Buch heraus: eine Lyrikanthologie über Freiheit und Zivilcourage, die zu seiner eigenen Überraschung sofort ein Erfolg wurde. Seitdem hat er als Autor oder Herausgeber rund 50 Lyrik- und Prosabände veröffentlicht, viele davon in Zusammenarbeit mit Kollegen aus der Autorengruppe wie z.B. Sergio Vesely oder Reiner Engelmann; in den von ihm herausgegebenen Büchern, meist zu politischen Themen, sind mittlerweile über 100 Autorinnen und Autoren aus 40 Ländern der Welt vertreten.

Fiechtners Bücher zeigen ein in Formen und Themen weit gefächertes Spektrum, das gleichermaßen eine sehr vielseitige Lyrik wie Prosa umfasst und bis hin zu Interpretationen indianischer Überlieferungen, historischen Erzählungen, dokumentarischen Skizzen, Satiren, Übersetzungen, Jugendbüchern, Sachbüchern oder Literatur-&-Musik -Aufnahmen reicht. Den Schwerpunkt seiner Arbeit legt er auf die Lyrik – die er allerdings oft lieber vorträgt als sie in Büchern zu veröffentlichen - und auf den variantenreichen Umgang mit Formen der Kurzprosa; er schreibt jedoch auch Jugendbücher, von denen schon sein erstes („Annas Geschichte“) viele Literaturpreise erhielt, in mehrere Sprachen übersetzt wurde und mittlerweile als Klassiker gilt - obwohl er, wie er sagt, „eigentlich nicht weiß, was ein Jugendbuch ist...“ . Vielleicht werden sie gerade deshalb von Jugendlichen ebenso gerne gelesen wie von Erwachsenen.

Fiechtner kann bei seiner Arbeit auf zwei Sprachen und zwei Kulturkreise zurückgreifen. Der stilistische Reichtum lateinamerikanischer Poesie steht ihm ebenso zur Verfügung wie die präzisen Gestaltungsmittel der deutschsprachigen Literatur, er bleibt weder den Grenzen der einen noch der anderen Sprache verhaftet und hat damit zu einem unverkennbar eigenen Stil gefunden, der Bilderkraft und Präzision miteinander vereint (Jean Améry über Fiechtner: „Hier wird das Wort selbst Ereignis, und zwar nicht nur als Wort, sondern als einbrechendes Geschehen.“).

Ebenso interessant wie der literarische Brückenschlag zwischen Formen und Kulturen ist für Fiechtner die Verbindung von Literatur und Musik. So entstand in der Zusammenarbeit mit dem chilenischen Komponisten und Autor Sergio Vesely die Konzertlesung als symbiotische Einheit aus Lyrik und Lied, Prosa und Musik, aus dem gesungenen wie dem gesprochenen Wort. Aus dem von Fiechtner und Vesely in den 70er Jahren geprägten Kunstwort für eine neue Auffassung der alten Beziehung zwischen Literatur und Musik ist heute, nach ungezählten Auftritten in Europa und Lateinamerika, die Konzertlesung zu einem allgemeinen, längst auch von anderen Künstlern übernommenem Genre-Begriff geworden.

Fiechtners Konzertlesungen und Autorenlesungen brachten ihm den Ruf eines herausragenden Vorlesers ein, der „das oft bestätigte Vorurteil widerlegt, dass man Dichter nicht ihre eigenen Werke lesen lassen soll.“ (WAZ). Nicht wenige seiner Lesungen finden inzwischen in Schulen und Universitäten statt, da manche Texte oder ganze Bücher vielerorts Eingang in den Unterricht gefunden haben und Jugendliche ebenso wie Studierende ihn als anregenden, humorvollen und äußerst kenntnisreichen Gesprächspartner schätzen - einen anständigen Schulabschluss hat er aber immer noch nicht...

Viele seiner Bücher beruhen auf Dokumentarmaterial aus aller Welt und befassen sich mit zeitgeschichtlichen Themen, die ihn nicht allein als Schriftsteller, sondern schon seit seiner Schülerzeit als ehrenamtlichen Mitarbeiter von Menschenrechtsorganisationen beschäftigen. Die Freiheit, das Recht, die Würde, die Identität und Integrität des Menschen - das sind seine Themen, über die er in vielgestaltigen Formen und weit jenseits von Larmoyanz oder Bitterkeit immer wieder geschrieben hat und immer wieder schreiben wird.

Mehr unter http://www.autorengruppe79.de